Erzählung: Der Fremde (1 / 1

 1) Der Priester (Mittenwald-Grenze)

Der Priester sitzt im Zugabteil am Fenster, aber so, dass er auf dem Sitz kniend auf den Fersen hockt. Er greift das baumwollseidene Tuch mit der rechten Hand, und mit der linken hebt er die Klangschale an. Er stellt diese auf seine Knie und beginnt sie umsichtig zu polieren. Dabei blickt er hin und wieder zu dem Fremden und mustert ihn, scheinbar gleichgültig, und doch auch intensiv.

Der Fremde räuspert sich, sagt dann:

Das Nembutsu-Sagen, darum geht es mir. Danach wollte ich fragen.“

Nembutsu“ antwortet der Priester, sinnend, wie leicht geistesabwesend.

Nembutsu…“

Er stellt die Klangschale an seine Seite und greift einen messingfarbenen Kerzenhal­ter. Wieder beginnt er mit der Arbeit des Polierens.

Nembutsu…

Der Priester schaut den Fremden nachdenklich an. Er konnte dessen Alter nicht ein­schätzen. Der modische Anzug, den er trug, war sicher zeitgemäß, passte aber irgend­wie nicht zu ihm, als wenn einfach zwei verschiedene Welten aufeinander trafen. Er war von einem einnehmenden Wesen, wach, neugierig, und doch von einem eigenen Wissen geprägt.

Ich polierte diese Klangschale“, sagte der Priester, „jetzt poliere ich diesen Kerzen­halter, gleich poliere ich diesen Ölbehälter. Jedes Teil poliere ich mit großer Auf­merksamkeit, konzentriere mich darauf, gleich wieder, wenn ich nicht mehr mit dir sprechen werde. Sollte ich darüber entschlafen, so kann ich `Nembutsu´ sagen; ich habe ein gutes, volles, inhaltsreiches Leben mit diesem Tun leben dürfen. E braucht nicht großer Akte, um ein gutes Leben führen zu können.“

Amu Nabida Butsu – verehre den Buddha Amithaba – so habe ich es gehört“, ant­wortet der Fremde.

Wenn Du es in vollkommener Hingabe sprichst“ führt der Priester weiter aus, „dann kann es dich unmittelbar zur Wiedergeburt im Reinen Lande führen. Ich würde jetzt entschlafen, aber dort erwachen“.

Der Priester wendet sich wieder dem Kerzenhalter zu.

Ein leichter Regen setzt ein; die Tropfen pläddern an die Fensterscheiben, und der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Der Priester zeigt mit dem Tuch in den Händen zu den Fenstern der Hütte hin.

Das tut der Natur gut“, ruft er, „ein Vorgeschmack auf das reine Land.“




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